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Reisebericht 2000

Hochwasser und Hunger

Kambodscha steht unter dem Eindruck einer Flutkatastrophe, von der das Land in den letzten Wochen betroffen wurde. Ganze Provinzen wurden überschwemmt. Nur wenige Leute erinnern sich an so viel Wasser, denn es sind 40 Jahre her, seitdem die Flut zum letzten Mal so hoch gestanden ist. Der Mekong-Fluss stieg bis 12 Meter über seinen normalen Pegel. Über100 Menschen konnten sich vor den Wassermassen nicht mehr retten und ertranken, Hunderttausende wurden obdachlos.

Nachdem in den Jahren 1997 und 1998 eine grosse Dürre die Ernte auf einen Bruchteil des normalen Ertrages schrumpfen liess, zerstörte bereits 1999 ein Hochwasser einen Teil der Reisfelder und Gemüsepflanzungen. Mit grossem Eifer wurden die Äcker neu angelegt, doch nun ist auch diese Arbeit zunichte. Die Ernte fällt aus, die Preise für Nahrungsmittel steigen an und die Leute erleiden eine weitere Hungersnot. Auch wenn es ein Tropfen auf den heissen Stein ist, verteilt HOPE FOR ALL jetzt monatlich 2½ Tonnen Reis an die darbenden Menschen.

Hochwasser
Auch wir wurden vom Hochwasser überrascht

Minen, Typhus und Giftschlangen

Noch immer liegen in Kambodscha einige Millionen scharfe Landminen. Sie werden wieder vermehrt harmlose Bauern verstümmeln, denn die heimtückischen Waffen wurden mit dem Hochwasser erneut in die Reisfelder geschwemmt, die zuvor in mühsamer Arbeit gesäubert worden sind.

Nur in der Hauptstadt Phnom Penh verfügen einige Quartiere über eine zentrale Trinkwasserversorgung. Üblicher sind Brunnen von bis zu 50 Metern Tiefe, aus denen Grundwasser hochgepumpt oder geschöpft wird. Infolge der Überschwemmung ist vielerorts verschmutztes Wasser in diese Brunnen eingedrungen. Die Menschen trinken trotzdem daraus und erkranken oder sterben an Infektionen wie Typhus. Einwandfreies Wasser ist Mangelware in Kambodscha. Es wird entweder importiert oder im Land selbst mit energieaufwendigen Techniken hergestellt und flaschenweise verkauft. Ein Liter kostet etwa einen halben US-Dollar – für die meisten Leute unerschwinglich viel. (Ein Lehrer oder ein Polizist verdient monatlich knapp 20 US-Dollars.)

In den ländlichen Gebieten Kambodscha stehen die meisten Häuser auf Pfählen, denn während der Regenzeit wird der Erdboden sehr nass. Diesmal standen die Felder meterhoch unter Wasser und die Tierwelt musste sich vor den Fluten retten. Auch Schlangen flüchteten sich in die Häuser, die wie rettende Inseln aus dem Wasser ragten, und besonders Kinder wurden Opfer von tödlichen Schlangenbissen.

Die Clinic blieb verschont

Als das Wasser zu steigen begann und das Gebäude der HOPE FOR ALL Clinic zu überschwemmen drohte, wurden Geräte und wertvolles Material in Sicherheit gebracht und der schwere Zahnarztstuhl aufgebockt. 10 Tage lang blieb das Ambulatorium geschlossen. Dann wurde die Tätigkeit wieder aufgenommen, obwohl das Gebäude nur per Boot erreicht werden konnte.

Kühe im Pausenhof

In Kampong Kreng, wo HOPE FOR ALL letztes Jahr ein Schulgebäude gebaut hat, stand das Land über einen Meter tief unter Wasser. Die Fluten konnten den steinernen Bauten wenig anhaben, brachten aber drei hölzerne Schulhäuser zum Einsturz. Jetzt müssen sich 850 Primarschüler in fünf Schulzimmer teilen.

Bis vor einem halben Jahr hatte die Schule ein Problem: Sie erhielt ständig Besuch von freilaufenden Kühen, die rings um die Häuser unappetitliche Spuren hinterliessen. Lehrer und Schüler vertrieben die Tiere aus dem Areal, aber die beherzten Viecher tauchten immer wieder auf und machten den Schulhof gar zu ihrem Nachtquartier. Schliesslich wurde das Areal umzäunt. Doch damit ergab sich eine neue Schwierigkeit: Wenn Kinder einmal "müssen", haben sie es meistens eilig. Bisher gingen sie ein paar Schritte weit ins benachbarte Buschland, doch jetzt sind die Wege dorthin durch den besagten Zaun versperrt. Die Lösung dieses Problems brachte ein WC-Gebäude, das wir im Schulareal bauen liessen. Damit verfügt Kampong Kreng als vielleicht erste Landschule Kambodschas über eigene Toiletten. Der Bau wurde aus dem Erlös eines Bazars finanziert, den eine Basler Primarschule unter dem Motto "Schule hilft Schule" in diesem Frühjahr veranstaltet hat.

Kommen die Schergen der Roten Khmer vor Gericht?

Ein erschütterndes Mahnmal an den dunkelsten Abschnitt in der Geschichte Kambodschas ist das Museum Tuol Sleng in Phnom Penh. Die Gebäude sind eine ehemalige Schule, die 1975 von den Roten Khmer zu einem Gefängnis umgebaut wurde. Zehntausende unschuldige Männer, Frauen und Kinder wurden dort sorgfältig registriert, fotografiert und dann misshandelt und angekettet, bis man sie auf ein "Killing Field" führte, das eigene Grab schaufeln liess und erschlug.

Als die Roten Khmer vier Jahre später durch die vietnamesische Armee vertrieben wurden, hatten sie fast zwei Millionen ihrer eigenen Landsleute umgebracht und das Land gründlich zerstört. Ihrem Wahn, Kambodscha in einen steinzeitlichen Agrarstaat zu verwandeln, waren Schulen, Spitäler und alle technische Einrichtungen zum Opfer gefallen. Von diesen Schäden hat sich das Land bis heute nicht erholt. Es gibt kaum eine kambodschanische Familie, die unter den Roten Khmer nicht Angehörige und Besitz verloren hat. Doch wenn das Gespräch auf diese schlimme Zeit kommt, geben sich die Leute verschlossen. Es scheint, als ob sie die Erinnerung daran verdrängen wollten.

Heute haben die Roten Khmer keine Bedeutung mehr. Ihr Führer Pol Pot ist gestorben. Seine wichtigsten Minister haben sich den Behörden ergeben und leben im Hausarrest. Sie bekunden keine Reue. Einer von ihnen möchte sogar in die Regierung. Internationale Organisationen drängen auf ein Kriegsverbrecher-Tribunal, an dem die Vergangenheit aufgearbeitet und die Schuldigen abgeurteilt werden sollen. Die kambodschanische Regierung hat erklärt, dass sie diesen Prozess selber in die Hand nehmen will, doch dazu wäre sie kaum fähig. Nicht zuletzt fehlt es an erfahrenen Juristen, die ein Tribunal nach internationalen Masstäben führen könnten. Dann stellte sich die unvermeidliche Frage, wem überhaupt der Prozess gemacht werden soll. Wie steht es mit den Tausenden von Funktionären der Roten Khmer, denen Blut an den Händen klebt und die jetzt unbehelligt im Land leben? Wie wird sich der mächtige Ministerpräsident Hun Sen herausreden, der in der Armee Pol Pots als hoher Offizier gedient hat, bevor er zu den Vietnamesen überlief?

Auch die UNO zeigt nicht viel Eifer, ein Kambodscha-Tribunal einzuberufen. Dann käme nämlich das Gespräch unweigerlich auch auf die USA und China, welche die Roten Khmer bis 1989 als legitime Vertreter Kambodschas anerkannt und mit Waffen und Geld versorgt haben. Die Massenmörder wurden als Prellbock gegen Vietnams Expansionsgelüste gebraucht.

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