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Reisebericht 2004

In Kambodscha gibt es keine Krankenkassen

In Kambodscha gibt es keine Krankenkassen, und wenn es sie gäbe, könnten sie kaum über explodierende Kosten klagen. Das staatliche Gesundheitsbudget beträgt gerade einmal 4 Franken pro Kopf und Jahr, und die Mehrzahl der Kambodschaner bekommt selten oder nie einen Arzt zu Gesicht.

In der HOPE FOR ALL Clinic werden arme Patienten kostenlos behandelt, und fast alle Menschen in diesem Land sind bettelarm. Eine Konsultation mit allem Drum und Dran kommt uns auf knappe 3 Franken zu stehen. Doch der Arzt der Clinic beweist immer wieder, dass auch mit wenig Mitteln eine gute Medizin betrieben werden kann. Das Behandlungszimmer ist sehr einfach eingerichtet. Wenn kompliziertere Untersuchungen wie Ultraschall oder Röntgenaufnahmen nötig sind, werden die Patienten samt dem nötigen Geld für Fahrt und Untersuchung in ein Spital nach Phnom Penh geschickt.

Der häufigste Konsultationsgrund sind Infektionskrankheiten. Dies ist kein Wunder, denn verschmutztes Trinkwasser, das enge Zusammenleben der Menschen und eine ungenügende Ernährung schaffen ideale Verhältnisse für die Ausbreitung von Seuchen. Viele Patienten leiden an Durchfall oder Atemwegsinfektionen. Typisch für ein Tropenland sind auch Wurm- und Amöbenkrankheiten. Malaria ist in einigen Provinzen Kambodschas sehr gefürchtet, kommt aber in der Umgebung der Hauptstadt und der Clinic nicht vor.

In Kambodscha grassiert das Dengue-Fieber. Allein in Phnom Penh zählte man im vergangenen Halbjahr monatlich bis 8'000 Erkrankungen. Das Dengue-Virus wird durch Stechmücken übertragen, die im Gegensatz zu den Überträgern der Malaria tagsüber aktiv sind. Die Krankheit kann vor allem bei Kindern tödlich ausgehen. Eine Impfung oder eine Behandlung ist nicht bekannt.

Mit einer Ansteckungsrate von über 3% hält Kambodscha den asiatischen Rekord an HIV-positiven Menschen. AIDS ist in diesem Land ein Tabu-Thema, und kaum jemand lässt sich untersuchen, weil er sich angesteckt haben könnte. Eine Behandlung von HIV-Kranken, wie sie bei uns geschieht, ist in Kambodscha aus technischen und finanziellen Gründen noch kaum möglich, doch sollen bald Polikliniken entstehen, in denen eine erschwingliche HIV-Therapie angeboten wird.

Zahnarztpraxis

Warum in der Clinic so viele Zähne gezogen werden

Die zahnärztliche Praxis der HOPE FOR ALL Clinic hat einen guten Ruf und verfügt als eine der wenigen im ganzen Land über ein Röntgengerät. Patienten mit Zahnschmerzen nehmen bis 60 Kilometer Weg auf sich, um sich in der "Clinic" behandeln zu lassen, doch oft ist der schmerzhafte Zahn schon derart zerstört, dass er nicht mehr gerettet werden kann. Nicht selten ist eine Wurzelbehandlung auch darum nicht durchführbar, weil sich die Patienten eine mehrmalige Reise zur Clinic nicht leisten können. Eine 50 Kilometer weite Fahrt auf einem Motorrad-Taxi kostet umgerechnet Fr. 1.60.

Nach einer Zahnextraktion erhalten alle Patienten ein Antibiotikum. Ohne diese Massnahme droht eine Kieferhöhlen- oder Hirnhautentzündung, denn das Trinkwasser in Kambodscha enthält aggressive Bakterien.

Eine Krankenschwester der Clinic beherrscht auch einfache zahnmedizinische Eingriffe    Eine Krankenschwester der Clinic beherrscht auch einfache zahnmedizinische Eingriffe
Eine Krankenschwester der Clinic beherrscht auch einfache zahnmedizinische Eingriffe

Im Clinic-Gebäude wäre Platz für einen zweiten zahnärztlichen Behandlungs-Stuhl. Dieser Raum müsste allerdings klimatisiert werden. Nicht, um dem Zahnarzt und seinen Patienten das Schwitzen zu ersparen, aber bei einer Temperatur von 40 Grad lassen sich keine Zähne plombieren, weil das Füllmaterial schon hart wird, bevor es im Zahn platziert werden kann.

... regiert wird im Olympiastadion

Im Juli 2003 wurden in Kambodscha Wahlen durchgeführt. Anschliessend dauerte es ein ganzes Jahr, bis endlich eine Regierung zustande kam. Erst nachdem fast jeder Volksvertreter einen lukrativen Beamtenposten in Aussicht hatte, fand sich die notwendige parlamentarische Mehrheit, um alle Minister zu bestätigen. Jetzt verfügt Kambodscha über eine der zahlenmässig grössten Regierungen der Welt. Die Leute auf der Strasse spotten, dass die Sitzungen des Ministerrates im Olympiastadion stattfinden müssten, weil das eigentliche Regierungsgebäude dafür nicht gross genug sei.

Der kambodschanische Staat ist arm, doch das Regime gibt das Geld mit vollen Händen aus. Nachdem die "Royal Cambodian Airlines" im Konkurs endeten, hat der Staat eine neue Fluggesellschaft mit vorläufig einer Maschine gegründet. Als Direktorin figuriert eine Schwiegertochter des Ministerpräsidenten. Sie ist 26 Jahre alt und bezieht ein Jahresgehalt von einer Million US-Dollars. Davon können niedrige Beamte nicht einmal träumen. Lehrer oder Polizisten verdienen etwa 20 Dollars pro Monat. Um eine Familie ausreichend zu versorgen, braucht es mindestens 200 Dollars. Da wird die Korruption zu einer zwangsläufigen Begleiterscheinung.

Arme Leute in Kambodscha (und über 90% der Menschen dort sind arm) haben es schwer. Auch wenn die diesjährige Ernte weniger als in den letzten Jahren durch Trockenheit oder Überschwemmungen gelitten hat, fehlt es nach wie vor an Lebensmitteln, um das rasch wachsende Volk zu ernähren. Kambodscha, das wegen seines Wohlstandes einst als "die Schweiz Asiens" gepriesen wurde und dessen Reis wegen seiner guten Qualität in der ganzen Welt begehrt war, muss heute Reis importieren.

Tödlicher Schrott

Im Laufe des Vietnamkrieges haben die USA massenweise Personenminen auf kambodschanische Gebiete abgeworfen, um den Nachschub des Vietkong auf dem berüchtigten Ho Chi Minh-Pfad zu unterbinden. Später verminten die Roten Khmer die Grenzregionen zu Thailand, und auch in den nachfolgenden Bürgerkriegen wurden Minen gelegt. Jetzt sind Räumungsteams an der Arbeit, doch in den Feldern lauern noch immer Millionen von Landminen auf neue Opfer.

Neuerdings gibt es in Kambodscha eine weitere tödliche Gefahr, die allein zwischen Januar und April 2004 fast 500 Unfälle verursacht und 91 Todesopfer gefordert hat. Nachdem der Preis für Alteisen von 6 auf 20 Rappen pro Kilogramm gestiegen ist, suchen die Leute in den Wäldern nach Munitionsresten, um das Material an Schrotthändler zu verkaufen. Sie ahnen nicht, dass sie häufig auf Blindgänger stossen, die dann in ihren Händen explodieren.

Hoffnung für AIDS-Patienten

In Kambodscha sind mehr als 3% der Menschen mit dem HIV-Virus infiziert. Heute gibt es Medikamente, die den Ausbruch der AIDS-Krankheit verhindern oder verzögern, doch diese Behandlung kostet bei uns etwa 20'000 Franken pro Jahr. Eine solche Summe ist unerschwinglich in einem Land, in dem Krankenkassen unbekannt sind und wo das staatliche Gesundheitsbudget pro Einwohner jährlich etwa 3 US-Dollars zur Verfügung hat. Kürzlich hat eine Hilfsorganisation mit Unterstützung durch die Pharmafirma Roche in Phnom Penh eine Poliklinik für HIV-kranke Patienten eröffnet.

Micro-Kredite

Seit bald zwei Jahren gewährt HOPE FOR ALL Darlehen an bedürftige und arbeitswillige Menschen, um ihnen beim Aufbau einer eigenen Existenz zu helfen. Zuweilen genügen schon 100 US-Dollars Grundkapital, um einen Kleinhandel oder einen Dienstleistungsbetrieb aufzubauen, der eine ganze Familie ernährt.
Die Kredite müssen innert 6 Monaten oder einem Jahr zurückbezahlt werden, kosten einen Jahreszins von 5% und schliessen eine Versicherung ein, die in Fällen von höherer Gewalt wie Krankheit die Rückzahlung übernimmt. Ein Team von freiwilligen Mitarbeitern prüft die Kreditgesuche an Ort und Stelle. Die Kreditempfänger werden einmal monatlich zu einer Versammlung aufgeboten, an der sie über ihre Erfahrungen berichten.

Im Oktober 2004 waren Kredite im Betrag von 10'600 US-Dollars vergeben. 51 Frauen und 31 Männer verwendeten diese Darlehen für

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